Mainstream Der Sog der Masse
Er beherrscht Medien, treibt Minister aus dem Amt und
wechselt alle paar Jahre die Richtung: Der Mainstream hat gewaltige
Kraft – er ist der Geist der Mehrheit. Aber hat er deshalb recht? Ein
Essay
Guido Westerwelle...? Normalerweise schreibe ich Kolumnen im
ZEITmagazin, seit Menschengedenken. Vor ein paar Monaten wollte
ich unbedingt eine Kolumne über Guido Westerwelle
schreiben. Besser gesagt, eine Hymne auf Guido Westerwelle. Ich wollte
erklären, warum er ein sehr guter Politiker ist, zumindest einer
der besseren in Deutschland.
Ich dachte nicht wirklich so. Trotzdem habe ich mir gesagt: Das muss
jetzt geschrieben werden. Manchmal schreibe ich Sachen, die ich nicht
wirklich denke. Mehr so aus dem Bauch heraus. Wenn alle das Gleiche
sagen, bekommt man Lust, dagegenzuhalten. Dann sagt man sich: Alle sind
sich einig, hey, da stimmt doch was nicht.
Damals haben alle auf Westerwelle herumgehackt. Jeder drittklassige
Kabarettist hat Westerwelle-Witze im Programm gehabt, und das kam mir so
billig, so vorhersehbar, so ungerecht vor, auch gemein, das hat mich an
die Schulzeit erinnert, an diese miesen Momente, in denen alle
gemeinsam auf einen Außenseiter losgehen.
Die Westerwelle-Kolumne ist nie geschrieben worden. Ich hab’s nicht
geschafft. Stattdessen schreibe ich jetzt ein Lob der Reaktanz. Denn mir
ist klar geworden, dass ich reaktanzgesteuert bin, zumindest teilweise.
Anderen geht es genauso, das habe ich recherchiert. Reaktanz ist eine
gute Sache.
Den Begriff »Reaktanz« hat 1966 ein gewisser Jack W. Brehm erfunden,
ein Sozialpsychologe. Reaktanz bedeutet, vereinfacht gesagt, dass wir
Menschen auf eine Überdosis von psychischem Druck oder auch auf Verbote
sehr häufig in folgender Weise reagieren: Wir tun genau das Gegenteil
von dem, was von uns erwartet wird. Reaktanz ist ein typisches
Abwehrverhalten gegen jede Art von Einschränkung, Druck und Verboten.
Das berühmteste Experiment dazu geht so: Versuchspersonen sollen die
Qualität von Schallplatten bewerten. Zur Belohnung darf sich jeder eine
der getesteten Platten aussuchen. Nach dem Probehören und den
Bewertungs-Interviews betritt der Versuchsleiter den Raum und teilt
bedauernd mit, dass eine der Platten nicht mehr vorrätig sei. Sofort
steigt die Attraktivität der vergriffenen Platte bei allen
Versuchsteilnehmern. Sie wird, in einer zweiten Befragung, plötzlich
viel besser bewertet. Weil sie nicht mehr zu haben ist.
Oft beweist einem die Wissenschaft ja das, was man sowieso schon zu
wissen glaubte. Das Verbotene wird attraktiver, weil es verboten ist.
Deswegen musste in den USA das Alkoholverbot, die Prohibition, kläglich
scheitern. Nie haben die Leute mehr getrunken. Deswegen will der Fuchs
die Trauben haben, die zu hoch für ihn hängen. Deswegen haben sich Romeo
und Julia ineinander verliebt, es war strengstens verboten. Ich kenne
Leute, darunter mich selber, die unter anderem deswegen immer noch
rauchen, die Verteufelung der Raucher ist einfach too much. Deswegen tun
geschickte Verkäufer so, als wäre ihre Ware knapp.
In der Politik funktioniert es ebenfalls, auch dazu gibt es
Experimente. Wenn man ankündigt, dass es ab morgen verboten sein wird,
auf die Straße zu spucken, dann werden sehr viele von uns plötzlich ein
starkes Spuckbedürfnis spüren. Selbst die notorischen Nichtspucker.
Das Gleiche passiert mir, wenn ich ununterbrochen mit der gleichen
Meinung beschallt werde. Wenn alle auf einer bestimmten Person oder
Personengruppe herumhacken, werde ich reaktant, tut mir leid.
Die Reaktanz ist ein naher Verwandter des Trotzes. Reaktanz ist gut,
weil sie eine Einheitsgesellschaft mit Einheitsmeinungen verhindert.
Reaktanz ist – ausnahmsweise werde ich pathetisch – der Beweis dafür,
dass wir zur Freiheit geboren sind.
Na ja. »Zur Freiheit geboren«, ganz so toll sind wir auch wieder
nicht. Wir sind schon irgendwie Herdentiere. Neben der edlen Veranlagung
zur Reaktanz, die jeder in sich trägt, gibt es ja auch den Hang zum
Konformismus. Unsere Vorfahren haben in Horden gelebt. Ich will
dazugehören. Jeder will das.
Das Gegenteil von Reaktanz heißt Mainstream. Das Gute am Mainstream
ist, dass man nicht groß nachdenken muss. Man wirft sich einfach hinein
in den Strom und lässt sich gemütlich treiben.
Das Volk
Der Sozialpsychologe Solomon Asch hat in den fünfziger Jahren ein
Experiment gemacht. Es ist ein Klassiker, ähnlich wie das
Reaktanz-Experiment von Brehm. Versuchspersonen sollen vier verschieden
lange Linien miteinander vergleichen. Zwei der Linien sind genau gleich
lang. Die dritte und vierte Linie aber haben eine andere Länge – extrem
anders. Man sieht es sofort.
Die Frage an die Versuchsperson lautet: »Welche beiden Linien sind gleich lang?«
Diese Frage soll in Anwesenheit anderer beantwortet werden, in einer
größeren Gruppe. Die Versuchsperson ahnt nicht, dass alle anderen
Mitglieder der Gruppe mit dem Testleiter zusammenarbeiten. Die
eingeweihten Gruppenmitglieder geben alle eine falsche Antwort. Alle.
Diese Antwort, wie gesagt, ist so grotesk falsch, dass selbst ein
fünfjähriges Kind das merken muss.
Drei Viertel der Versuchspersonen schließen sich, im Durchschnitt,
trotzdem der falschen Antwort an. Nur ein Viertel hat den Mut, den
eigenen Augen mehr zu trauen als der Gruppe. Die anderen denken
vielleicht, dass mit ihren Augen etwas nicht stimmt. Oder sie wollen
nicht unangenehm auffallen.
Das Experiment ist oft wiederholt worden, es kommt immer das Gleiche
heraus. Man kann die meisten Leute dazu bringen, öffentlich zu erklären,
dass eins plus eins drei ergibt. Kein Problem. Es müssen ihnen nur
genügend andere Leute dabei Gesellschaft leisten.
Vor Kurzem wurde es mit Vierjährigen ausprobiert. Die Kinder bekamen
Bilderbücher und sollten sagen, was sie auf den Bildern sehen. Die
Kinder dachten, dass sie alle das gleiche Buch in der Hand halten, sie
konnten aber in die Bücher der anderen nicht hineinschauen. Eines der
Kinder, nur eines, hatte ein anderes Buch bekommen. Auf einer Seite des
Buches war ein Bild seiner Mama oder seines Papas zu sehen. Bei den
anderen Kindern zeigte diese Seite ein Tier, vielleicht einen
Goldhamster. In 18 von 24 Versuchen passten sich die Kinder, die es
besser hätten wissen müssen, der Mehrheit an. Sie sahen ein Bild ihrer
Mutter und sagten, wie alle anderen: »Ich sehe einen Goldhamster.«
Wenn ich so etwas höre, bekomme ich Angst.
In den fünfziger Jahren, in denen ich geboren wurde, dachte fast
jeder, dass Deutschland die im Krieg verlorenen Ostgebiete auf keinen
Fall aufgeben dürfe, dass Frauen nur in Ausnahmefällen arbeiten gehen
sollten, dass Homosexualität eine Perversion sei, über die man am besten
nicht spricht, dass es tausend wichtigere Dinge gebe als Umweltschutz.
Heute denkt fast jeder in diesen Fragen ungefähr das Gegenteil. Auch ich
denke das Gegenteil.
Ich denke ziemlich genau das Gegenteil von dem, was meine Großeltern
gedacht haben, die allerdings, in ihrer Zeit, völlig normal waren, mit
anderen Worten: Mainstream.
In jeder Epoche haben die Menschen an andere Wahrheiten geglaubt, und
zwar an die gleichen wie ihre Nachbarn. Die Furcht vor Hexen oder die
Verehrung für den Kaiser, die in den Köpfen meiner Urgroßeltern wohnten,
sind meinen Großeltern genauso falsch vorgekommen, wie mir heute der
Gedanke falsch vorkommt, dass man die Ostgebiete nicht aufgeben darf.
Und weil die Geschichte immer weitergeht, werden meine heutigen
Meinungen den Nachgeborenen wohl auch seltsam vorkommen. Ich weiß, dass
ich in den Augen der Zukünftigen eine lächerliche Figur bin.
Diese Erkenntnis macht mich demütig. Leute, die eine Meinung mit
großer Selbstgewissheit vertreten, ohne die Spur eines Zweifels, so, als
ob es kein Morgen gäbe, kommen mir dumm vor. Die einzige Haltung, die
garantiert jeder Revision standhält, ist vermutlich der Zweifel.
Die Außenseiter, die Verweigerer des Mainstreams, haben nämlich oft
recht behalten. Galileo Galilei wurde eingesperrt, weil er die Ansicht
vertrat, dass die Erde sich um die Sonne dreht. Die ersten Kämpferinnen
für das Frauenwahlrecht waren in den Augen der Mehrheit Spinnerinnen. 1980 waren die Grünen eine Randgruppe.
Das heißt, der Mainstream des Jahres 2100 wird heute vielleicht von drei oder vier Exoten am Rande der Gesellschaft vertreten.
Prophezeiungen sind schwierig, weil die Geschichte nicht immer in die
gleiche Richtung marschiert. Viele denken, dass wir, wie seit hundert
Jahren, auch in der Zukunft immer freier oder immer bindungsloser
werden, dazu immer mehr wissenschaftliche Erkenntnisse anhäufen. Die
Geschichte kenne nur eine Richtung, diese Richtung heiße Fortschritt.
Das ist eine Mainstream-Idee von heute. Sie muss nicht stimmen. Das
Wissen der Antike war im Mittelalter zu großen Teilen verschwunden. Die
lockeren Moralvorstellungen mancher Naturvölker liegen näher bei unseren
heutigen Ideen als beim Mainstream des 19. Jahrhunderts. Aus der
Geschichte der Meinungen lässt sich keine vorhersagbare Richtung und
kein Bewegungsgesetz ableiten.
In 50 Jahren schütteln die Menschen vielleicht die Köpfe über unsere
Angst vor der Klimakatastrophe. Vielleicht bleibt sie ja aus, so wie
auch das große Baumsterben ausgeblieben ist. Ich behaupte nicht, dass es
so kommt. Aber eines weiß ich nun wirklich genau: Sehr viele
Gewissheiten jeder Epoche der Geschichte haben sich im Nachhinein als
falsch herausgestellt.
Aber was wird zum Mainstream? Wer bestimmt das? Die Medien? Einer
schreibt vom anderen ab, ist es so einfach? Erschafft sich der
Mainstream, ab einem gewissen Punkt, sozusagen selber?
Weil ich seit längerer Zeit in den Medien arbeite, glaube ich, sie
einigermaßen zu durchschauen. Es gibt keine geheimen Verschwörungen, so
wenig, wie es gezielte Kampagnen gegen einzelne Politiker gibt. Es
stimmt, dass es einem manchmal so vorkommt – fast alle schreiben das
Gleiche. Alle sind gegen Westerwelle und gegen Kernkraft, alle waren für
Klinsmann. Das hängt damit zusammen, dass die meisten Menschen ungern
alleine dastehen. Sie möchten Erfolg haben und geliebt werden. Das gilt
auch für Journalisten. Im Mainstream ist man sicher. Die meisten Medien
spiegeln folglich den Mainstream wider und verstärken ihn dadurch noch,
aber sie erschaffen ihn nicht.
Die Masse
Auf der Suche nach einer Antwort – was wird zum Mainstream? – landet
man bei Gustave Le Bon, der 1895 den Klassiker Psychologie der Massen
geschrieben hat. Le Bon war Arzt und Anthropologe, das Massenverhalten
konnte er im Krieg von 1870/71 studieren, im belagerten Paris, und
während der Tage der Pariser Kommune.
Le Bon behauptet, dass Menschenmassen sich in ein neues Wesen
verwandeln, ein Gemeinschaftsgeschöpf, das anders handelt und anders
funktioniert als der Einzelne. Die Masse sei schlichter,
begeisterungsfähiger, brutaler, irrationaler, leichtgläubiger,
sprunghafter, als Individuen es sind. Intelligenz sei als Massenphänomen
unmöglich.
Die Masse ist dumm – diese Weisheit klingt ziemlich undifferenziert,
nach einer Stammtischweisheit, aber sie beschreibt tatsächlich recht
genau die Grundlage der Massenpsychologie. Falls Le Bon recht hat, ist
ein Soziologenkongress in seinem gemeinsamen Arbeitspapier weniger
intelligent, als jeder einzelne Soziologe es wäre, wenn er alleine
nachdenkt. Eine Redaktionskonferenz, die gemeinsam über ein Thema berät,
wäre demnach im Normalfall weniger originell als der einzelne
Redakteur, den man in Ruhe überlegen lässt. Da kann ich mitreden, das
habe ich oft erlebt. Und lange vor den großen Verbrechen der Nazis und
des Stalinismus vertrat Le Bon die Theorie, dass »gutmütige Bürger, die
normalerweise ehrsame Beamte geworden wären«, in der Masse zu den
grausamsten Verbrechen fähig sind. Die Masse ist nicht nur dumm. Sie
kann auch gefährlich sein.
1895 wurde das Kino gerade geboren, ans Fernsehen dachte keiner.
Trotzdem hat Le Bon über die Entstehung von Massenmeinungen den
erstaunlichen Satz geschrieben: »Die Massen können nur in Bildern
denken.«
Bilder transportieren Emotionen, nur Emotionen bewegen Massen. Logik
ist zu kompliziert für sie. Die zweite Grundregel zur Überzeugung der
Massen – Le Bon spricht lieber von »Hypnose« als von »Überzeugung« –
heiße Wiederholung.
Man muss einfache Botschaften und starke Bilder oft genug
wiederholen. Dieses Rezept wird immer wirken. Das Bild eines Anschlages.
Das Bild eines havarierten Atomkraftwerkes. Das Bild eines Angeklagten
in Handschellen.
Sind wir so? Werden wir zu Automaten, sobald wir Teil einer Masse
sind, sobald jemand unsere Instinkte auf die richtige Weise bedient?
Ich habe, bei einer Studentendemonstration, als Teil der Masse mal
eine Tomate geworfen, in Richtung der CDU-Politikerin Hanna-Renate
Laurien, die damals Kultusministerin gewesen ist. Sie ist inzwischen
gestorben, sie war eine freundliche und kluge Dame. Wir haben uns später
getroffen und darüber gelacht. Hätte ich damals eine Tomate auf sie
geworfen, wenn ich alleine gewesen wäre? Bestimmt nicht. Hätte ich aus
der Masse heraus auch Steine geworfen? Vielleicht.
Die Masse ist aber das Grundprinzip der Demokratie, zugleich das
Grundprinzip unseres Wirtschaftssystems. Die Mehrheit bestimmt, wer
regiert. Die Mehrheit bestimmt, was produziert wird. Es gibt natürlich
ein paar Vermittlungsinstanzen, wir haben eine repräsentative
Demokratie, der Markt ist an Gesetze gebunden. In letzter Zeit wird
allerdings der Ruf nach einer mehr oder weniger direkten Volksherrschaft
immer lauter. Das Volk soll öfter als bisher über wichtige Fragen
abstimmen, vielleicht sogar im Internet, das ist technisch ganz einfach
und kann wunderbar schnell gehen. Es klingt ja auch erst mal
sympathisch. Das Volk sind schließlich wir alle. Wir könnten uns dann
ganz unseren Stimmungen hingeben.
Ich hätte Angst davor.
Dies ist die größte Beunruhigung von allen, dass nämlich unser
offizieller Herrscher, der Souverän in einem demokratischen System, das
Volk, wir selber, ein launischer, dummer und gefährlicher Herrscher sein
könnte.
Als die Mitglieder des Parlamentarischen Rates 1948 das Grundgesetz
schrieben, hatten sie noch Angst vor dem Volk und seinen Launen. Das
hing natürlich mit Adolf Hitler zusammen.
Die Paragrafen des Grundgesetzes können vom Bundestag jederzeit
geändert oder ergänzt werden, mit einer Zweidrittelmehrheit. Einige
Paragrafen aber sind davon ausgenommen, durch die sogenannte
Ewigkeitsklausel im Artikel 79 des Grundgesetzes. Dazu gehören die
Menschenrechte, die Achtung der Menschenwürde, die Gewaltenteilung, die
föderale Struktur Deutschlands. Diese Dinge darf das Volk nicht ändern,
auch nicht mit einer Mehrheit von 99 Prozent. Nach herrschender
Rechtsmeinung darf deshalb auch die Todesstrafe in Deutschland nie
wieder eingeführt werden, von keinem Mainstream der Welt.
Der Schwarm
1986 hat der Wissenschaftler Craig Reynolds mithilfe von
Computersimulationen herausgefunden, dass die Individuen, aus deren
Summe ein Schwarm entsteht, sich an drei Regeln halten. Das, was wir
»Schwarmintelligenz« nennen, beruht tatsächlich auf nur drei
Verhaltensregeln.
Erstens: Bewege dich als Mitglied des Schwarms immer in Richtung des
Schwarm-Mittelpunkts. Auf diese Weise wird verhindert, dass der Schwarm
auseinanderfließt.
Zweitens: Bewege dich weg, sobald dir jemand zu nahe kommt, vermeide Zusammenstöße.
Drittens: Bewege dich in dieselbe Richtung wie deine Nachbarn.
Kaum ein Begriff hat in den Jahren, die seit meiner Kindheit
verstrichen sind, eine solche Karriere gemacht wie »Schwarmintelligenz«.
Das Internet funktioniert wie ein Schwarm, heißt es. Die Revolutionen
in den arabischen Staaten wurden und werden über die schwarmförmige
Organisation Facebook organisiert, ohne Anführer, ohne eine Partei. Alle
bewegen sich plötzlich in dieselbe Richtung wie ihre Nachbarn.
Weniger bekannt ist das Wort »Schwarmfeigheit«. Ich habe es zum
ersten Mal in der Talkshow von Anne Will gehört. Der Journalist und
Politikberater Michael Spreng sprach von der »Schwarmfeigheit im
Internet«. Jeder Journalist kennt sie. Unsere Texte stehen im Netz, sie
werden kommentiert, wir bekommen E-Mails. Dagegen ist nichts zu sagen.
Doch weil es möglich ist, sich anonym zu äußern, unter einem erfundenen Netznamen,
sind die Äußerungen deutlich aggressiver geworden. Die Leserbriefe, mit
Absender und – meistens – dem echten Namen, waren im Durchschnitt
sachlicher und seltener beleidigend. Die wenigsten Internetautoren,
behaupte ich, hätten den Mut, so zu schreiben, wenn sie mit ihrem Namen
dafür einstehen müssten.
Ein sehr frühes und bis heute gern zitiertes Experiment zur
Schwarmintelligenz wurde vor mehr als hundert Jahren auf der
Viehzuchtmesse der britischen Stadt Plymouth veranstaltet. Ochsen wurden
gewogen, unter Ausschluss der Öffentlichkeit, danach durfte das
Publikum ihr Gewicht schätzen. Diese etwa 800 Personen waren zum Teil
Familien mit Kindern, zum Teil Metzger und Viehzüchter, Experten und
Laien bunt gemischt. Die Schätzungen waren teilweise grotesk falsch.
Wenn man aber den Durchschnitt aller Schätzungen ausrechnete, dann lag
dieser Durchschnitt immer sehr nahe bei dem richtigen Ergebnis.
Das Internet funktioniert nach dem gleichen Prinzip. Jeder darf
mitmachen, Experten und Laien, ähnlich wie beim Viehmarkt in Plymouth.
Das Internetlexikon Wikipedia ist inzwischen die wichtigste Wissensquelle
der meisten Leute, es wird vom Schwarm verfasst. Die Politiker
Guttenberg und Koch-Mehrin haben ihre Ämter verloren, weil der Schwarm
sich ihre Doktorarbeiten vorgeknöpft hatte. Bei den Wirtschaftskrisen
spielt der Schwarm ebenfalls eine entscheidende Rolle: Wenn er sich aus
einer Währung oder aus einer bestimmten Aktie zurückzieht, brechen alle
Dämme.
Ich glaube, dass die Gesetze der Schwarmintelligenz auch das
politische Leben zu beherrschen beginnen. Das beste Beispiel ist die
Bundeskanzlerin. Zu Recht wird gesagt, dass Angela Merkel für einen Stil
des Regierens steht, den es vor ihr in Deutschland nicht gegeben hat.
Die Traditionen und Grundsätze ihrer Partei scheinen für sie keine Rolle
zu spielen. Angela Merkel setzt Volksstimmungen um, sie ist keine
Leitwölfin, eher ein Fisch im Schwarm. Sie lässt sich, wo immer und
solange es geht, in der Strömung treiben. Als das Volk nach Fukushima
die Atomkraft ablehnte, war bekanntlich auch Frau Merkel, die eben noch
die Laufzeiten der Kernkraftwerke verlängert hatte, plötzlich für die
Abschaltung der Atommeiler. Und jetzt, wo die Sozialdemokraten
wiedererstarken, fällt ihr ein, dass der Mindestlohn, den die CDU vor
Kurzem noch verteufelt hat, eine feine Sache ist. Bewege dich in
Richtung des Mittelpunkts, vermeide Zusammenstöße, bewege dich in
dieselbe Richtung wie die Mehrheit.
Die Querdenker
Manchmal habe ich den Eindruck, dass Deutschland von einer
Einheitspartei neuen Typs beherrscht wird, der Mainstreampartei. Diese
Partei ist ökologisch, für einen höheren Bildungsetat, für Frauenquoten,
für Klimaschutz, für Umverteilung des Wohlstands, dafür, dass die hier
lebenden Ausländer Deutsch lernen... Konsens, wohin man schaut. Selbst
zu einer so komplexen Frage wie der Euro-Krise scheint es nur ein oder
zwei denkbare, zulässige Antworten zu geben. Dass die Piratenpartei –
noch – keine Quotenregelung hat, wird in manchen Kommentaren schon als
große Kühnheit registriert.
Man muss sich zum Vergleich nur einmal das Meinungsspektrum der
angeblich so langweiligen Adenauerjahre in Erinnerung rufen, als es noch
Christen, Kommunisten, Sozialisten, Konservative und alles Mögliche
andere gab. Falls man unter »Demokratie« einen offenen, freien
Meinungskampf versteht, ein Ringen um den richtigen Weg, dann haben wir
nicht allzu viel davon. Und dazu ist nicht einmal ein
Unterdrückungsapparat erforderlich, es hat sich einfach so ergeben.
Damals, unter Adenauer, waren die Milieus noch ziemlich autark, es
gab nicht einen einzigen großen Schwarm, es gab mehrere kleinere
Schwärme. Die Linken interessierten sich für die Meinung anderer Linker,
die Konservativen lasen konservative Zeitungen. Heute kriegt man, dank
Internet, fast alles mit, was irgendwo von irgendeinem wichtigen
Menschen gemeint wird. Man kriegt immer alles mit. Man ist immer
mittendrin.
Trotzdem gedeiht bei uns der Typus des Querdenkers, der in den
Talkshows für eine gewisse Belebung im Rahmen des Schicklichen sorgen
soll – unsere neue Apo, bestehend aus eloquenten Personen wie Hans-Olaf
Henkel, Richard David Precht oder Alice Schwarzer. Der Inbegriff eines
solchen Querdenkers ist der sympathische Heiner Geißler. Der Rebell
Heiner Geißler tritt auf die denkbar unterhaltsamste Weise für
Umweltschutz ein, für grünes Denken, für Bürgerbeteiligung, für die
parlamentarische Demokratie, für Emanzipation und für soziale
Gerechtigkeit. Er ist Mainstream, total, aber er vertritt den Mainstream
mit so viel Temperament, dass er auch mir meistens als der Prototyp des
rebellischen alten Mannes erscheint.
Im neuen Heft der Kulturzeitschrift Merkur geht
es um das Thema »Konformismus«. Niemand möchte ein Konformist sein,
tatsächlich sind es aber fast alle. Warum? Die Herausgeber antworten:
»Es ist etwas anderes, ob man sich als professioneller Tabubrecher in
Talkshows feiern lässt oder ob man freimütig die Wahrheit sagt, seine
Wahrheit. Dafür muss man womöglich einen Preis bezahlen. Zu missfallen
oder gar ausgestoßen zu werden aus dem Kreis derjenigen, die die
richtigen, die guten, die hilfreichen Ansichten vertreten.«
Harald Schmidt gehört zu einem anderen Typus. Er hält sich nicht
immer an die üblichen Sprachregeln und Tabus, er pfeift auf den
Mainstream. Das wirkt erfrischend. Es ist aber auch unmöglich, zu sagen,
wofür er stattdessen steht. Er hütet sich davor, sich in irgendeiner
Weise festzulegen. Das macht ihn fast unangreifbar, so, wie früher die
Hofnarren unangreifbar gewesen sind. Leute wie Harald Schmidt oder
Henryk M. Broder begleiten den Mainstream, sie leben von ihm, wie
Fischer, sie laufen an seinem Ufer und werfen ihre Netze aus. Die eine
oder andere Pointe verfängt sich immer darin.
Noch einmal die Frage: Wer entscheidet darüber, welche Ansicht
»richtig« ist und welche »falsch«? Im Merkur schreibt der
Medientheoretiker Norbert Bolz, dass die meisten Leute die Ansichten
übernehmen, von denen sie glauben, dass die meisten anderen Leute sie
auch haben. Darüber, welche Meinung gerade die allgemein übliche ist,
informieren die Massenmedien. Die Meinungsmacher dort sind aber auch nur
Leute wie alle anderen. Sie tendieren dazu, die Meinungen und die
Themen anderer Meinungsmacher zu übernehmen – sie verhalten sich genau
wie die Versuchspersonen im Solomon Aschs Experiment mit den vier
Linien. Sie trauen ihren eigenen Augen nicht.
Bewege dich in Richtung des Mittelpunkts. Bewege dich in dieselbe Richtung wie alle anderen. Vermeide Zusammenstöße.
Weil der Mainstream heute die normative Rolle übernommen hat, die
früher von Traditionen und Sittengesetzen gespielt wurde, tendiert man
dazu, vom Mainstream abweichende Meinungen als unmoralisch zu
verurteilen. Wissenschaftler, die zur angeblich nahenden
Klima-Apokalypse eine abweichende Meinung vertreten, werden zum Beispiel
»Klimawandelleugner« genannt – als ob es um Religion ginge und nicht um
Wissenschaft. In der Wissenschaft kann es ohne den Zweifel an
scheinbaren Gewissheiten keine Entwicklung geben. Und weder in der
Wissenschaft noch in der Kunst hat die Masse jemals etwas
Bemerkenswertes hervorgebracht. »Alles Wertvolle«, schreibt Bolz,
»verdanken wir außergewöhnlichen Individuen.«
Jemand, der wirklich ein Querdenker ist, müsste heutzutage vielleicht
für die Wiedereinführung der Monarchie eintreten. Er müsste an den
heiligen Idealen der sozialen Gerechtigkeit, am Atomausstieg und an der
Emanzipation zweifeln. Mit anderen Worten, er müsste bereit sein, sich
vom Schwarm zu einem gefährlichen Irren stempeln zu lassen.
Lob der Reaktanz
Ohne Reaktanz würden wir uns alle nach und nach in Gemüse verwandeln,
das ist hoffentlich klar geworden. Ohne Reaktanz läuft »Demokratie« auf
eine massenpsychologische Zwangsherrschaft des Einheitsdenkens hinaus.
Reaktanz ist die Kraft, die dafür sorgt, dass ein Meinungspendel nach
einer gewissen Zeit wieder zurückschwingt. Und jetzt schreiben Sie mir
um Himmels willen keine Briefe, in denen Sie mir
Klimawandelverharmlosung vorwerfen oder vor den Gefahren des
Monarchismus warnen.
Ich bin, weltanschaulich, Reaktist. Als ich mit meinen Kolumnen
anfing, gab es manchmal Ärger, wenn politische Themen auftauchten, zum
Beispiel Kritik an den USA. Ich habe eine Kolumne geschrieben, in der
ich die Gewaltverliebtheit mancher Amis gegeißelt habe. Das war als
Thema nicht sehr originell, ich weiß, und vielleicht ist die Kolumne ja
zu Recht nicht gedruckt worden. Ich jedenfalls hatte von diesem Tag an
eine animalische Lust, alles an den USA schlecht zu finden. Obwohl das
ein tolles Land ist, ehrlich. Ich habe bei jeder Gelegenheit, jahrelang,
antiamerikanische Tiraden geschrieben. Da habe ich mich einfach
lebendig gefühlt. Unpolitisch war dieses Verhalten nur auf den ersten
Blick. Reaktanz ist nicht unpolitisch. Reaktanz führt dazu, dass Verbote
sich, langfristig gesehen, nicht lohnen.
Redakteure, die mich länger kennen, verbieten mir inzwischen, glaube
ich, bestimmte Thesen oder bestimmte Themen, weil sie dann sicher sein
können, dass sie genau das kriegen. Da muss man vorsichtig sein, das ist
ein ganz übler Trick.
Die Lobrede auf Guido Westerwelle muss damit beginnen, dass er einer
der wenigen wirklich guten Redner ist, im Bundestag. Er hat sich jetzt
in die zweite Reihe der Partei zurückgezogen und macht seinen
Nachfolgern keinen Ärger, er verhält sich tadellos solidarisch. Da
sollte man sich nur mal den CDU-Politiker Merz zum Vergleich anschauen,
der nach seinem Machtverlust ununterbrochen gestänkert hat. Es ist gar
nicht so schwer mit der Lobrede, aber das Material reicht noch nicht
ganz.
Als Reaktist erfüllt man eine sozialhygienische Funktion und leistet
einen Dienst an der Menschlichkeit. Es ist unappetitlich, wenn einzelne
Personen zum public enemy erklärt werden, überall, von jedem.
Guttenberg? Eva Herman? Jan Ullrich? Das sind Verfehlungen gewesen,
kritikwürdig, gegebenenfalls strafbar, aber doch keine
Kapitalverbrechen. Bei jedem Gangster finden Gerichte mildernde
Umstände, nur das große Volkstribunal der öffentlichen Meinung kennt
keine Bewährungsstrafen, so lange, bis das große Vergessen einsetzt. Man
vergibt nichts, aber man vergisst. Wenn erst mal der nächste Skandal da
ist, absorbiert er sowieso die gesamte Erregungsenergie, über die man
verfügt. Sich selber vergibt man alles.
Und Margot Käßmann? Der umgekehrte Fall. Eine Heilige. Da ist
Reaktanz ebenfalls angebracht. Der dunkle Trieb, Idole schlechtzumachen,
hat ebenfalls etwas mit Reaktanz zu tun. Das ist die Nachtseite der
Reaktanz.
Es müsste, im Mainstream-Medium Fernsehen, eine Sendung geben, eine
einzige, die der Reaktanz verpflichtet ist. Einmal pro Woche, 30 Minuten
lang, müsste jemand einer von fast allen geglaubten Wahrheit
widersprechen, oder eine abseitige Meinung äußern, oder den aktuellen
public enemy verteidigen. Ohne Ironie. Ohne einen Moderator, der sich
distanziert. Auch das wäre ein interessantes Experiment.
Der Publikumsjoker
In der beliebtesten deutschen Quizsendung, bei Wer wird Millionär?,
hat Günther Jauch im Mai 2011 eine Rechtschreibfrage gestellt. In
welchem dieser Wörter ist ein k zu viel? Akkumulator, Akkusativ,
akkurat, Akkupunktur.
Die Kandidatin wusste es nicht. Ich wüsste es auch nicht. Bei Wer wird Millionär?
gibt es den Publikumsjoker. Das Publikum stimmt darüber ab, welche
Antwort die richtige ist. Das Publikum entschied sich, mit 48 Prozent,
für das Wort »akkurat«. Auf Platz zwei, mit 42 Prozent, lag
»Akkupunktur«. Die Kandidatin fiel durch. Akupunktur schreibt man mit
einem k, akkurat mit zwei.
So etwas passiert bei Wer wird Millionär? immer wieder: Bei den
einfachen Fragen ist der Publikumsjoker fast immer eine sichere Sache.
Aber je komplizierter es wird, desto öfter irrt sich die Mehrheit. Es
ist dann klüger, jemanden anzurufen, der Ahnung hat. Eine Einzelperson.
Das Leben ist natürlich oft ziemlich kompliziert. Trotzdem haben wir unser Leben weitgehend dem Publikumsjoker untergeordnet.
Der Publikumsjoker bestimmt die Regierung. Der Publikumsjoker
bestimmt die Aktienkurse, der Publikumsjoker entscheidet darüber, was es
zu kaufen gibt, was gesendet wird und was vom Markt verschwindet. Was
hält eine Gesellschaft für richtig, was für falsch, welche Werte hat
sie, wie benehmen sich die Leute, was ziehen sie an? Fragen Sie das
Publikum.